Dem Erlebten Raum geben: Ein wichtiger Schritt im Therapieprozess
Es gibt diesen Moment in vielen Gesprächen in meiner Praxis. Jemand erzählt von einer schwierigen Erfahrung, vielleicht von einer belastenden Phase, einer Trennung, einer Situation aus der Kindheit oder einem Ereignis, das lange zurückliegt. Und fast im selben Atemzug kommt der nächste Satz: „Aber es ist schon okay.“ Oder: „Ich habe das eigentlich ganz gut weggesteckt.“ Manchmal folgt auch ein Vergleich: „Andere haben viel Schlimmeres erlebt.“
In solchen Momenten merke ich oft, wie stark der innere Impuls ist, weiterzugehen. Schnell einordnen, relativieren, abhaken. Und gleichzeitig wird spürbar, dass etwas in dieser Geschichte noch keinen wirklichen Raum bekommen hat. Dann lade ich meine Klientinnen manchmal dazu ein, einen Moment langsamer zu werden. Nicht um alte Wunden aufzureißen, sondern um etwas zu tun, das viele Menschen nie gelernt haben: dem eigenen Erleben wirklich Bedeutung zu geben.
Wir lernen früh, weiterzumachen. Aber selten lernen wir, unserem eigenen Erleben wirklich Raum zu geben.
In diesem Artikel erfährst du:
- warum viele Menschen gelernt haben, Erlebnisse schnell zu relativieren
- weshalb echtes Weitergehen oft erst nach einem Moment des Innehaltens möglich wird
- was Würdigung in der Therapie eigentlich bedeutet
- warum dein Nervensystem darauf anders reagiert als auf reines Analysieren
- 5 kleine Impulse, mit denen du dir selbst mehr Raum geben kannst
Warum viele Menschen gelernt haben, schnell weiterzugehen
Viele Menschen, die zu mir kommen, sind es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen, stark zu sein und zu funktionieren. Vielleicht war das in ihrer Familie wichtig, vielleicht im Beruf oder in anderen Lebenssituationen. Über dieses Muster habe ich auch in diesem Artikel geschrieben.
Diese Fähigkeit hat ihnen geholfen, schwierige Zeiten zu bewältigen und ihren Alltag zu meistern. Genau deshalb ist es mir wichtig zu betonen: Dieses Funktionieren war keine Schwäche, sondern eine hilfreiche Strategie.
Das Problem entsteht erst dann, wenn wir so sehr daran gewöhnt sind, alles sofort wegzustecken, dass wir uns selbst gar keinen Moment mehr zugestehen, um wahrzunehmen, was etwas wirklich mit uns gemacht hat..
Was Würdigung wirklich bedeutet
Wenn ich von Würdigung spreche, meine ich damit kein dramatisches Zurückschauen und auch kein endloses Analysieren der Vergangenheit. Würdigung bedeutet vielmehr, ehrlich anzuerkennen, dass eine Situation belastend, traurig, überfordernd oder einsam war. Ohne sofortige Bewertung, ohne den Vergleich mit anderen und ohne den Druck, direkt eine Lösung finden zu müssen.
Viele Menschen erleben genau das als überraschend ungewohnt. Sie sind es gewohnt, stark zu sein, sich zusammenzunehmen und schnell wieder nach vorne zu schauen. Doch erst wenn ein Erlebnis innerlich ernst genommen wird, kann es seinen Platz in der eigenen Geschichte finden.
Warum reines Verstehen oft nicht ausreicht
Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass Verstehen allein häufig nicht ausreicht. Viele meiner Klientinnen haben sich bereits intensiv mit sich selbst beschäftigt, haben Bücher gelesen, Podcasts gehört oder versucht, ihre Muster logisch zu erklären. Trotzdem merken sie, dass bestimmte Reaktionen immer wieder auftauchen.
Das liegt daran, dass Erfahrungen nicht nur im Kopf gespeichert sind. Unser Nervensystem merkt sich, was wir erlebt haben. Wenn etwas sehr belastend war und nie wirklich Raum bekommen hat, bleibt häufig eine Art innere Alarmbereitschaft zurück. Das zeigt sich zum Beispiel durch starke Gefühle, körperliche Anspannung oder bestimmte automatische Reaktionen.
Wenn ein Erlebnis gewürdigt wird, statt sofort erklärt oder weggeschoben zu werden, entsteht häufig eine neue Form von innerer Ordnung. Im folgenden Blogartikel geht es darum, warum Verstehen allein nicht reicht und wie dein Nervensystem deine Muster steuert: zum Artikel
Würdigung ist kein Rückschritt
Viele Menschen glauben, sie müssten nur stark genug sein, um etwas hinter sich zu lassen. Doch unser Inneres funktioniert anders: Was keinen Raum bekommt, meldet sich oft immer wieder.
Dabei geht es nicht darum, in der Vergangenheit hängen zu bleiben. Viele Menschen haben genau davor Sorge. Sie befürchten, dass es sie zurückwirft, wenn sie sich noch einmal mit alten Erfahrungen beschäftigen. In der therapeutischen Arbeit zeigt sich jedoch häufig das Gegenteil: Nicht das Hinschauen kostet die meiste Kraft, sondern das ständige Wegdrücken. Wenn etwas endlich ausgesprochen, gesehen oder eingeordnet werden darf, entsteht oft mehr Verständnis für sich selbst und damit auch mehr innerer Spielraum.

5 konkrete Tipps für dich
Im Alltag kannst du beginnen, dir selbst etwas mehr Raum zu geben, ohne dass dafür gleich große Veränderungen nötig sind. Ein erster Schritt kann sein, Bewertungen durch Wahrnehmung zu ersetzen. Statt automatisch zu denken „Ich übertreibe“, könntest du dir sagen: „Das hat mich wirklich bewegt.“ Vielleicht nach einem Gespräch, einer Kritik oder einer Erinnerung, die plötzlich auftaucht. Mehr darüber, warum kleine Schritte mehr bewirken als große Ziele, erfährst du hier.
Auch Vergleiche bewusst wegzulassen kann entlastend sein, denn dein eigenes Erleben verliert nicht an Bedeutung, nur weil andere Menschen andere Erfahrungen gemacht haben. Manchmal hilft es auch, auf körperliche Signale zu achten. Ein Druck im Brustkorb, ein Kloß im Hals oder eine plötzliche Unruhe sind oft Hinweise darauf, dass etwas emotional relevant ist. Anstatt diese Reaktionen sofort zu unterdrücken, kann es hilfreich sein, sie für einen Moment einfach wahrzunehmen.
Ein weiterer wichtiger Schritt ist, die eigene damalige Stärke zu würdigen. Viele Menschen schauen heute kritisch auf ihr früheres Verhalten und fragen sich, warum sie nicht anders reagiert haben. Dabei lohnt sich ein Perspektivwechsel: Du hast damals mit den Möglichkeiten gehandelt, die dir zur Verfügung standen. Vielleicht war Rückzug eine Form von Schutz, vielleicht Durchhalten oder Anpassung. Wenn du dich fragst, was dir damals geholfen hat, eine schwierige Situation zu überstehen, entdeckst du oft Fähigkeiten, die du heute noch in dir trägst.
Und schließlich darfst du dir erlauben, nicht alles sofort lösen zu müssen. Wir leben in einer Zeit, in der für fast jedes Problem schnelle Strategien angeboten werden. Doch innere Prozesse folgen selten einem festen Zeitplan. Manchmal entsteht Veränderung nicht dadurch, dass wir uns noch mehr antreiben, sondern dadurch, dass wir einen Moment lang innehalten und anerkennen, was war. Genau in diesem Moment entsteht oft etwas, das viele Menschen lange vermisst haben: ein freundlicherer Blick auf sich selbst.
Zusammenfassung: 5 kleine Impulse, um dir selbst mehr Raum zu geben
Hier kommen die Tipps für dich noch einmal in kompakter Version. Diese Schritte ersetzen keine Therapie. Aber sie können dir helfen, im Alltag anders mit dir selbst umzugehen.
- Ersetze Bewertung durch Wahrnehmung
Statt sofort zu denken: „Ich übertreibe“ versuche einmal den Satz:
„Das hat mich wirklich bewegt.“
Allein dieser Perspektivwechsel kann viel verändern.
- Lass Vergleiche bewusst weg
Vergleiche sind einer der häufigsten Gründe, warum Menschen ihr eigenes Erleben klein machen. Doch dein Nervensystem vergleicht nicht. Es reagiert auf das, was du erlebt hast. Deine Erfahrung darf einfach deine Erfahrung sein.
- Nimm wahr, was dein Körper zeigt
Manchmal zeigt der Körper schneller als der Kopf, dass etwas noch Bedeutung hat:
- ein Druck im Brustkorb, ein Kloß im Hals, innere Unruhe
Versuche nicht sofort, das wegzumachen. Nimm es für einen Moment wahr. Oft reicht schon das.
- Würdige deine damalige Stärke
Viele Menschen schauen heute kritisch auf ihr Verhalten von früher. Doch damals hast du mit den Möglichkeiten reagiert, die du hattest. Eine hilfreiche Frage kann sein:
„Was hat mir damals geholfen, das durchzustehen?“
Oft steckt darin mehr Kraft, als man denkt.
- Erlaube dir, kurz stehen zu bleiben
Wir leben in einer Welt, die schnelle Lösungen liebt. Doch innere Prozesse folgen selten diesem Tempo. Manchmal reicht ein kurzer Moment mit dem Gedanken:
„Ich darf mir Zeit lassen.“
Nicht alles muss sofort gelöst werden.
Fazit: Die Würdigung deiner Erfahrungen ist kein Rückschritt
Vielleicht musst du also gar nicht schneller werden. Vielleicht darfst du zuerst anerkennen, wie viel du getragen hast. Nicht um zurückzuschauen, sondern um dir selbst mit mehr Verständnis zu begegnen. Manchmal beginnt genau dort etwas Neues: wenn wir aufhören, uns innerlich weiter anzutreiben.
Wenn du auf diesem Weg mehr Unterstützung möchtest, dann melde dich gern in meinen Newsletter an oder buche dir dein kostenloses Kennenlerngespräch , damit wir gemeinsam schauen können, wie dein Körper wieder Sicherheit lernen darf.
In meiner Praxis arbeite ich ressourcen- und lösungsorientiert mit einem hypnosystemischen Ansatz. Im Blog, auf Instagram, YouTube und Pinterest teile ich regelmäßig Impulse rund um Angst, Nervensystemregulation und innere Sicherheit.
Du darfst Schritt für Schritt aus deinen alten Mustern aussteigen und dir selbst mit mehr Verständnis begegnen. Vielleicht ist gerade jetzt genau der richtige Zeitpunkt…







