Ego State Therapie einfach erklärt: Das Konzept der inneren Anteile verstehen
Es gibt Tage, an denen du dich stark und klar fühlst und Momente, in denen du unsicher wirst, dich selbst kritisierst oder innerlich blockiert fühlst. Manche meiner Klientinnen sprechen vom symbolischen Engelchen und Teufelchen, das ihnen jeweils etwas ins Ohr flüstert. Viele haben aber auch das Konzept vom inneren Kind im Kopf. Und ja, oft steckt ein innerer Anteil aus der Kindheit, Jugend oder nahen Vergangenheit dahinter. Doch das Modell des inneren Kindes erklärt nur einen kleinen Teil unserer inneren Welt.
In der Ego State Therapie, einer Methode, die auf den amerikanischen Psychiater John G. Watkins zurückgeht und in Deutschland u. a. durch Kai Fritzsche weiterentwickelt wurde, geht es darum, das gesamte innere Team kennenzulernen. Denn in jedem von uns wirken viele Persönlichkeitsanteile: verletzte, beschützende, neugierige, kreative – alle mit ihrer eigenen Geschichte und Absicht.
In diesem Artikel erfährst du:
- Was die Ego State Therapie ist und wie sie funktioniert
- Wie Ego States entstehen und warum sie wichtig sind
- Worin der Unterschied zum Modell des inneren Kindes liegt
- Wie eine Sitzung praktisch aussehen kann
- 5 Impulse, um mit deinen Anteilen liebevoll in Kontakt zu kommen
Was ist die Ego State Therapie?
Die Ego State Therapie ist eine tiefenpsychologisch fundierte, hypnosystemische Methode, die davon ausgeht, dass unsere Persönlichkeit aus vielen Ich-Zuständen (Ego States) besteht. Jeder dieser Zustände ist ein in sich geschlossenes System aus Gefühlen, Gedanken, Körperempfindungen und Verhaltensmustern.
Ganz wichtig: Diese Ego States sind keine „gespaltenen Persönlichkeiten“, sondern normale, funktionale Teile unseres Selbst. Man kann sie sich vorstellen wie ein inneres Team:
- Ein Anteil möchte Sicherheit.
- Ein anderer drängt nach Freiheit.
- Ein dritter will es allen recht machen.
Konflikte entstehen, wenn diese Anteile unterschiedliche Bedürfnisse haben oder wenn alte Anteile (z. B. kindliche Selbstschutzmechanismen) heute noch aktiv sind, obwohl sie in dieser Form nicht mehr gebraucht werden bzw. einfach zu stark vertreten sind.
Wie entstehen unsere Ego States?
Ego States entstehen durch Lebenserfahrungen, besonders in der Kindheit, aber auch in der Jugend oder durch Erfahrungen im Erwachsenenalter. Jeder Ego-State hat eine eigene Geschichte, hat bestimmte Aufgaben und wurde zum Schutz der Person entstanden.
Beispiel: Ein kleines Mädchen lernt, dass sie nur geliebt wird, wenn sie brav ist. Dieser „angepasste Anteil“ sorgt auch als Erwachsene noch dafür, Konflikte zu vermeiden, selbst wenn es sie erschöpft.
Ego State Therapie hilft, diese Anteile nicht zu verurteilen, sondern zu verstehen: Jeder von ihnen hatte einmal eine positive Absicht, auch wenn er heute hinderlich wirkt. In meiner Praxis wertschätzen wir, was diese Anteile zu ihrem Entstehungszeitpunkt für uns getan haben. In meinen Verständnis der Ego-State-Therapie sind diese Anteile nicht flüchtig, sie bleiben bestehen und stehen mal mehr und mal weniger im Vordergrund.
Wie Schutzmechanismen entstehen und warum sie so hartnäckig sein können, erkläre ich auch ausführlich in diesem Artikel: Nervensystemregulation verstehen
Der Unterschied zum Modell des inneren Kindes
Für ein erstes Verständnis von inneren Anteilen finde ich das das Modell des inneren Kindes sehr hilfreich. In diesem Modell spricht man meist von zwei Anteilen:
- dem verletzten inneren Kind
- und dem ausgeglichenen, lebensfrohen Kind
Dieses Bild kann sehr hilfreich sein, um emotionale Verletzungen zu erkennen und Mitgefühl für sich selbst zu entwickeln.
Aber: Die Ego State Therapie geht deutlich weiter. Sie arbeitet nicht nur mit kindlichen Anteilen, sondern mit allen Ich-Zuständen, die sich im Laufe des Lebens gebildet haben. Auch mit jugendlichen, erwachsenen, beschützenden oder sogar destruktiven Teilen.
Dadurch entsteht ein viel feineres Verständnis der inneren Dynamik. Anstatt zu sagen: „Mein inneres Kind ist traurig“, lernst du zu erkennen, welcher Teil traurig ist, wann er entstanden ist und welche Absicht er verfolgt.
Dieses Konzept ist also deutlich tiefgreifender als das Modell des inneren Kindes. In meiner Praxis erlebe ich oft, dass es sehr emotional und heilsam sein kann, diese inneren Anteile kennenzulernen, zu erfahren, wann und warum sie entstanden sind und welche Rolle sie im heutigen Leben spielen.
Wenn du mehr über alte Muster und Prägungen erfahren möchtest, findest du hier auch meinen Artikel über: Deinen Selbstwert steigern

Wie eine Ego State Sitzung aussieht – ein Praxisbeispiel
Wie kann nun eine solche Ego State Sitzung aussehen? Ich begleite ich meine Klientin meist in einen Zustand innerer Achtsamkeit. Manchmal mithilfe von Hypnose, manchmal einfach über achtsame Wahrnehmung und das Eintauchen in eine bestimme, heute für sie problematische Situation und die dann auftauchenden Gedanken. So entsteht ein erster Kontakt zu einem inneren Anteil.
Beispiel:
Sabine spürt, dass sie ständig funktionieren muss und keine Pause zulassen kann.
In der Sitzung meldet sich ein Anteil, der schon als Kind gelernt hat: „Wenn ich stark bin, bekomme ich Liebe.“ Ein anderer Anteil, der sich nach Ruhe sehnt, darf nun auch zu Wort kommen. Wir kommen in einen Austausch und Sabine bekommt ein Gefühl für ihre Anteile, die sie immer wieder nach den gleichen Mustern handeln lassen. Hier kann nun „umstrukturiert“ werden, Anteile werden angehört, ihre Entstehungsgeschichte beleuchtet und kann zu wunderbaren Veränderungen im Heute kommen.
Meist arbeite ich in einer Sitzung mit einem Team von maximal 5 Anteilen gleichzeitig. Zudem können einzelne Anteile befragt werden, wodurch oft wichtige Erkenntnisse entstehen.
Wichtig: Das Ziel ist nicht, Anteile zu entfernen – was meines Erachtens auch nicht möglich ist – sondern sie miteinander zu versöhnen und zu integrieren. Anteile, die in der aktuellen Lebenssituation zu Problemen führen, erfahren Wertschätzung für ihr Handeln, das aus einer schützenden Haltung heraus erfolgt ist und können z.B. vom Vordergrund in den Hintergrund treten. Hierdurch kann ein Gleichgewicht im inneren Team entstehen.
Falls du selbst das Gefühl hast, ständig funktionieren zu müssen, findest du hier einen Artikel, der dieses Muster tiefer beleuchtet: Funktionieren statt leben? So entkommst du dem ständigen Leistungsdruck
Was die Ego State Therapie bewirken kann
Hier möchte ich dir noch einmal auf einen Blick mitgeben, was die Ego State Therapie bewirken kann und warum ich sie in meiner psychotherapeutischen Praxis nicht mehr missen möchte:
- Selbstmitgefühl und innere Ruhe: Wenn du verstehst, warum du reagierst, wie du reagierst, hörst du auf, dich zu verurteilen.
- Bessere Selbstregulation: Innere Anteile, die früher Angst gemacht haben, werden zu wertvollen Ressourcen.
- Mehr innere Freiheit: Du lernst, selbst zu wählen, welcher Anteil handeln darf, anstatt automatisch zu reagieren.
- Tiefere Heilung: Nicht nur Symptome, sondern die darunterliegenden Schutzmechanismen dürfen sich verändern.
Gerade bei Angst und Panik kann die Arbeit mit inneren Anteilen sehr unterstützend sein. Vielleicht interessiert dich dazu auch dieser Artikel: Wie du deine Angstreaktion verändern kannst
5 Impulse für deinen Alltag
Wie immer gibt es auch praktisch umsetzbare Impulse und Tipps für dich. Probiere sie einmal aus und lass dich überraschen, wer da alles in deinem inneren Team ist.
- Beobachte dich mit Neugier:
Wenn du dich innerlich zerrissen fühlst, frage dich: „Welcher Anteil spricht gerade?“ - Gib deinen Anteilen Namen:
Das macht sie greifbarer. Zum Beispiel: „Die Perfektionistin“, „die Ängstliche“, „die Beschützerin“. - Schreibe einen inneren Dialog:
Lass zwei Anteile miteinander sprechen. Hört sich vielleicht seltsam an, aber du wirst überrascht sein, was sich zeigt. - Such dir Begleitung:
Manche Anteile tragen tiefe alte Schmerzen und nicht jeder Anteil mag sich gleich am Anfang zeigen. Eine therapeutische Begleitung kann helfen, sie sicher zu integrieren.
Wenn du verstehen möchtest, wie deine Anteile mit deinem Nervensystem zusammenhängen, lies gern auch meinen Beitrag über das Window of Tolerance.
FAZIT: Liebevoller Kontakt zu dir selbst kann Veränderung möglich machen
Wenn du beginnst, deine inneren Anteile wahrzunehmen, verändert sich oft mehr, als du erwartet hättest. Plötzlich wird verständlich, warum bestimmte Reaktionen immer wieder auftauchen, warum du in manchen Situationen blockierst und in anderen über dich hinauswächst.
Die Ego State Therapie öffnet einen Raum, in dem du deine innere Welt nicht mehr als Chaos erlebst, sondern als System mit Sinn, Geschichte und Entwicklungspotenzial. Schritt für Schritt entsteht Klarheit und damit auch die Möglichkeit, anders mit dir umzugehen: freundlicher, geduldiger, selbstbestimmter.
Du musst dafür nichts „perfekt machen“. Es reicht, neugierig zu bleiben, hinzuhören und dir selbst zu erlauben, in kleinen Schritten neue Erfahrungen zu machen. Genau dort beginnt Veränderung: nicht im Kampf gegen dich selbst, sondern im liebevollen Kontakt zu deinen Anteilen.
Wenn du deine inneren Anteile kennenlernen und verstehen möchtest, begleite ich dich gern auf diesem Weg. Buche dir dein kostenloses Kennenlerngespräch über Doctolib. Gemeinsam lernen wir deine inneren Anteile kennen und können so Schritt für Schritt für Veränderung sorgen.
Du musst da nicht alleine durch, gemeinsam schaffen wir das.







