Warum kleine Schritte mehr bewirken als große Ziele – ein psychotherapeutischer Blick auf Veränderung
Bestimmt kennst auch du diese Momente: Du beschließt, dass sich etwas ändern muss. Vielleicht deine Angst. Dein Grübeln. Dein Perfektionismus. Dieses ständige Gefühl, funktionieren zu müssen. Und dann setzt du dir ein großes Ziel. Ab morgen wird alles anders.
Mehr Disziplin. Mehr Selbstbewusstsein. Keine Panik mehr. Endlich konsequent.
Und ein paar Tage oder vielleicht Wochen später sitzt du da und denkst: Warum schaffe ich das einfach nicht?
Lass mich dir etwas sagen: Mit großer Wahrscheinlichkeit liegt es nicht an dir. Vielleicht war der Schritt einfach zu groß. Wie Veränderung wirklich funktionieren kann, das möchte ich dir in diesem Artikel zeigen.
Du erfährst in diesem Artikel:
- warum große Ziele dein Nervensystem oft überfordern
- weshalb kleine Schritte in der Psychotherapie (und ganz allgemein) nachhaltiger wirken
- was Tiny Habits mit deinem Veränderungsprozess zu tun haben
- warum dein innerer Widerstand eigentlich ein Schutz ist
- und wie du mit 5 Mini-Impulsen sofort beginnen kannst
Dein Nervensystem liebt Sicherheit, nicht Heldentaten
Unser Nervensystem hat eine zentrale Aufgabe: Es will dich schützen. Alles, was neu, unvorhersehbar oder sehr intensiv ist, wird zunächst geprüft: Ist das sicher?
Große Ziele wie:
„Ich sage immer klar meine Meinung.“
„Ich ziehe XY jetzt endlich durch.“
klingen motivierend. Für dein Nervensystem können sie sich jedoch anfühlen wie Gefahr.
Und dann passiert etwas, das viele meiner Klientinnen gut kennen:
Du schiebst auf. Du zweifelst. Du sabotierst dich unbewusst. Oder deine Angst wird sogar stärker.
Nicht, weil du undiszipliniert bist. Sondern weil dein inneres Schutzsystem sagt: „Das ist gerade zu viel.“
Aus hypnosystemischer Sicht und mit Blick auf die Ego-State-Therapie, die in meiner Praxis ein wichtiger Bestandteil ist, gibt es keinen Widerstand gegen dich. Nur Anteile, die für dich sorgen wollen. Manchmal aber eben ein bisschen zu intensiv oder aus heutiger Sicht in die falsche Richtung.
Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie dein Nervensystem funktioniert und warum es manchmal so sensibel reagiert, findest du hier einen ausführlicheren Artikel dazu: Nervensytemregulation verstehen lernen
Veränderung im Toleranzfenster
Vielleicht hast du schon einmal vom sogenannten „Toleranzfenster“ gehört. Es beschreibt den Bereich, in dem dein Nervensystem ruhig, reguliert und lernfähig bleibt. Innerhalb dieses Fensters kannst du Neues integrieren. Außerhalb davon gehst du in Stress, Erstarrung oder Rückzug.
Nachhaltige Veränderung entsteht genau hier, im regulierten Zustand.
Wenn du zum Beispiel große Angst vor Präsentationen hast und dir vornimmst, nächste Woche völlig souverän vor 50 Menschen zu sprechen, verlässt dein Nervensystem sehr wahrscheinlich dieses Fenster.
Wenn du dagegen beginnst mit:
- einmal bewusst Blickkontakt halten
- eine vorbereitete Frage stellen
- 30 Sekunden sprechen
bleibt dein System regulierbar. Es sammelt neue Erfahrungen. Es lernt: „Ich kann das schaffen.“
Und genau das ist ein ganz wichtiger Kern meiner therapeutischer Arbeit. Wir schaffen gemeinsam das Erleben von Selbstwirksamkeit. Und du kannst das auch schaffen.
Warum Psychotherapie in kleinen Schritten arbeitet
Keine seriöse Psychotherapie arbeitet nach dem Prinzip: „Spring ins kalte Wasser und hoffe, dass es gut geht.“
In der Verhaltenstherapie werden z.B. Angsthierarchien aufgebaut und man geht Schritt für Schritt vor. In der Traumatherapie steht Stabilisierung vor Konfrontation. Systemische Ansätze arbeiten z.B. mit Skalierungsfragen: „Was wäre 1 % besser?“ Hypnosystemische Therapie kooperiert z.B. mit Schutzanteilen, statt sie zu übergehen.
Warum? Weil Überforderung das Nervensystem in Alarm versetzt. Und ein alarmiertes System lernt nicht nachhaltig, es überlebt nur. Veränderung muss kein Kraftakt sein. Sie ist ein regulierter Lernprozess. Und an dieser Stelle ein Hinweis, den ich immer wieder einstreue: Ich weiß, dass das, was stört, meist am liebsten sofort weg sein soll. Der Punkt ist aber: Veränderung braucht Zeit. Wenn du dir diese Zeit gibst, dann kann Veränderung nachhaltig sein und in Zusammenarbeit mit deinem Nervensystem geschehen.

Was Tiny Habits damit zu tun haben
Vielleicht kennst du die Tiny Habits®-Methode von BJ Fogg. Ich mag sein Buch „Die Tiny Habits®-Methode: Kleine Schritte, große Wirkung“ sehr. Der Grundgedanke ist einfach und gleichzeitig revolutionär:
Mach es so klein, dass es kaum Überwindung kostet.
Denn neues Verhalten entsteht leichter, wenn es sich machbar anfühlt. Je kleiner der Schritt, desto weniger Aktivierung braucht dein Nervensystem. Ich habe dieses Konzept vor Jahren in der therapeutischen Ausbildung von erfahrenen Therapeutinnen übernommen und arbeite in meiner Praxis von Beginn an mit der Methode der kleinen Schritte. Und genau das findet sich auch in der Tiny-Habits-Methode wieder. Brich dein Vorhaben in Mini-Schritte runter, die absolut machbar sind. Statt: „Ich meditiere ab sofort jeden Morgen 20 Minuten.“ Vielleicht: „Nach dem Zähneputzen atme ich einmal bewusst ein und aus.“
Ein Atemzug klingt unspektakulär. Aber er ist machbar. Und jedes Mal, wenn du ihn tust, sendest du deinem Gehirn die Botschaft: „Ich kann mir selbst etwas Gutes tun.“
Das Gehirn lernt durch Wiederholung. Und besonders kraftvoll wird Veränderung, wenn wir sie mit inneren Bildern verknüpfen. Darüber habe ich in diesem Artikel über die Kraft der Bilder zur Zielerreichung ausführlich geschrieben. Mit diesem Wissen begleite ich auch meine Klientinnen in ihren Prozessen. Manchmal erscheinen uns diese Schritte lächerlich klein. Das ist okay so. Und dann werden sie im Prozess und mit der Zeit immer größer und irgendwann ist das große Ziel erreicht, aber der Weg dahin hat sich vielleicht ganz einfach angefühlt.
Der versteckte Leistungsdruck hinter großen Zielen
Viele Frauen, die zu mir kommen, haben früh gelernt: Wenn schon Veränderung, dann richtig. Wenn schon Entwicklung, dann maximal. Halb reicht nicht. Vielleicht kennst du diesen inneren Antreiber auch. Er wollte dich stark machen. Erfolgreich. Anerkannt. Und vielleicht hat er das sogar geschafft.
Doch heute darf er etwas Neues lernen: Sicherheit entsteht nicht durch Druck, sondern durch minimale Dosierung. Manchmal ist der mutigste Schritt nicht der größte sondern der kleinste, den du konsequent wiederholst. Probier es doch mal für dich aus.
Wenn du dich tiefer mit deinem inneren Antreiber oder deinem inneren Kritiker beschäftigen möchtest, findest du hier einen passenden Artikel dazu.
5 Mini-Impulse für deinen Alltag
Hier kommen fünf konkrete Schritte, mit denen du sofort beginnen kannst:
- Zerlege dein Ziel auf eine 1%-Version
Frage dich bitte: Was ist die kleinste machbare Variante davon?
Nicht „Selbstbewusst werden“, sondern z.B. „Heute einmal meine Meinung äußern.“
- Prüfe dein Körpergefühl
Spür hinein: Fühlt sich der Schritt entspannt machbar an? Wenn Druck auftaucht, ist er noch zu groß. Du darfst ihn dann noch weiter runterbrechen.
- Koppel Neues an Bestehendes
Nach dem Kaffee ein bewusster Atemzug. Nach dem Öffnen des Laptops Schultern lockern.
Wenn du eine Gewohnheit an etwas fest Integriertes koppelst, wie z.B. das Zähneputzen oder den morgendlichen Kaffee, dann steigerst du deine Erfolgschancen immens. Mini-Gewohnheiten lieben feste Anker.
- Wiederhole statt steigere
Wiederholung stabilisiert dein Nervensystem stärker als ständiges Steigern der Handlung. Ich weiß, dass das ein schwieriger Schritt sein kann, wenn man doch fest gewillt ist, jetzt etwas zu verändern und dann soll der Schritt nur so klein sein und zig mal wiederholt werden. Aber darin liegt die Erfolgschance. Lass es erstmal einen festen Bestandteil deines Tages werden und dann mach es größer.
- Würdige dich bewusst
Ein inneres „Ich habe das geschafft“ wirkt stärker, als du denkst. Dein Gehirn speichert emotionale Bestätigung. Also nichts wie los: Lob dich für deine Mini-Schritte.
Fazit: Du bist nicht gescheitert, vielleicht warst du nur zu schnell
Vielleicht bist du nie zu schwach gewesen. Vielleicht war dein System einfach überfordert. Große Ziele beeindrucken, aber kleine Schritte können etwas nachhaltig verändern.
Dein Nervensystem braucht keine Heldengeschichten. Es braucht Sicherheit. Wiederholung. Vertrauen. Und genau daraus entsteht Mut. Ganz leise. Ganz stetig.
Du darfst langsam wachsen. Du darfst klein anfangen. Und du darfst erleben, dass Veränderung leichter sein kann, als du denkst.
Wenn du diesen Weg nicht alleine gehen möchtest, findest du bei mir weitere Impulse und Unterstützung. In meiner Praxis arbeite ich ressourcen- und lösungsorientiert mit einem hypnosystemischen Ansatz.
Du kannst dir gerne ein kostenloses Kennenlerngespräch vereinbaren oder weiter im Blog stöbern. Auf Instagram, YouTube und Pinterest teile ich regelmäßig Impulse rund um Angst, Nervensystemregulation und innere Sicherheit.
Du darfst Schritt für Schritt aus deinen alten Mustern aussteigen. Vielleicht ist gerade jetzt genau der richtige Zeitpunkt…







