Mentalisieren: Wie du dich selbst und andere besser verstehen lernst
Wir Menschen sind erstaunlich schnell darin, das Verhalten anderer zu interpretieren. Ein bestimmter Blick, eine knappe Antwort oder eine beiläufige Bemerkung reichen manchmal schon aus, und wir haben eine Erklärung dafür, was in unserem Gegenüber vorgeht.
Wir glauben zu wissen, warum jemand so reagiert. Was er damit sagen möchte. Oder was er wohl über uns denkt. Dabei übersehen wir leicht etwas Entscheidendes: Wir können einem Menschen nicht in den Kopf schauen. Und selbst unsere eigenen Gefühle und Reaktionen verstehen wir manchmal erst auf den zweiten Blick.
Was wir für eine Tatsache halten, ist häufig zunächst nur unsere persönliche Interpretation. Geprägt von unseren Erfahrungen, Erwartungen und dem, was uns gerade beschäftigt.
Ich finde diesen Gedanken unglaublich spannend. Denn er eröffnet uns die Möglichkeit, uns selbst und anderen mit einer ganz anderen Haltung zu begegnen. Weniger vorschnell zu urteilen, mehr Fragen zu stellen und auch einmal auszuhalten, dass wir etwas nicht mit Sicherheit wissen.
Genau hier setzt das Mentalisieren an. Es geht darum, neugierig auf die innere Welt eines Menschen zu werden – auch auf unsere eigene. Und darum, zu verstehen, was hinter unserem Verhalten und dem anderer Menschen stecken könnte.
Vielleicht liegt gerade darin eine besondere Chance: dass wir nicht immer sofort eine Erklärung brauchen, sondern bereit sind, einander wirklich verstehen zu wollen.
Was bedeutet Mentalisieren eigentlich?
Mentalisieren bedeutet, dass wir versuchen, unser eigenes Verhalten und das Verhalten anderer Menschen vor dem Hintergrund von Gefühlen, Gedanken, Bedürfnissen und Absichten zu verstehen.
Denn das, was wir von einem Menschen sehen, ist zunächst einmal sein Verhalten. Was sich dahinter verbirgt, können wir nur vermuten.
Wie wir das Verhalten anderer Menschen interpretieren, hängt auch mit unserem eigenen inneren Zustand zusammen. Wenn wir beispielsweise angespannt oder verunsichert sind, nehmen wir manche Situationen ganz anders wahr, als wenn wir uns sicher und ausgeglichen fühlen. Warum das so ist, erkläre ich ausführlicher in meinem Artikel „Wie dein innerer Zustand deine Sicht auf die Welt verändert“.
Ein Beispiel: Deine Freundin sagt ein gemeinsames Treffen kurzfristig ab. Du bist enttäuscht und denkst vielleicht: Offenbar bin ich ihr nicht wichtig genug. Das ist eine mögliche Erklärung, aber eben nur eine.
Vielleicht geht es ihr gerade nicht gut. Vielleicht fühlt sie sich überfordert. Vielleicht braucht sie Zeit für sich, traut sich aber nicht, dir das offen zu sagen. Und vielleicht hat ihre Absage tatsächlich etwas mit eurer Beziehung zu tun.
Mentalisieren bedeutet nicht, automatisch die freundlichste Erklärung zu wählen. Es bedeutet, verschiedene Möglichkeiten in Betracht zu ziehen und anzuerkennen, dass wir nicht mit Sicherheit wissen, was in einem anderen Menschen vorgeht.
Das gilt übrigens auch für uns selbst.
Warum wir andere Menschen nicht einfach durchschauen können
In den sozialen Medien begegnen uns immer wieder Beiträge, die uns versprechen, andere Menschen anhand bestimmter Verhaltensweisen durchschauen zu können. Angeblich verrät uns die Körpersprache, was jemand wirklich denkt. Oder bestimmte Aussagen sollen beweisen, welche Absichten ein Mensch verfolgt.
Solche Erklärungen wirken manchmal verlockend. Schließlich wünschen wir uns Orientierung und Sicherheit im Umgang mit anderen. Doch Menschen sind wesentlich vielschichtiger. Ein Mensch, der sich zurückzieht, kann traurig sein. Er kann wütend sein, sich schämen, erschöpft sein oder einfach seine Ruhe brauchen.
Und selbst wenn wir jemanden seit vielen Jahren kennen, können wir nicht sicher wissen, was gerade in ihm vorgeht.
Mentalisieren bedeutet deshalb nicht, Menschen besser durchschauen zu lernen. Es bedeutet, ihnen mit mehr Neugier und weniger vorschnellen Urteilen zu begegnen.
Denn sobald wir glauben, genau zu wissen, warum jemand etwas tut, hören wir häufig auf, wirklich hinzuschauen.
Die drei Säulen einer mentalisierenden Grundhaltung
In ihrem Buch Die Kraft des Mentalisierens beschreiben Joost Hutsebaut, Liesbet Nijssens und Miriam van Fessum eine Haltung, die ich persönlich besonders wertvoll finde.
Sie beruht auf drei wesentlichen Eigenschaften: Bescheidenheit, Neugier und Offenheit.
- Bescheidenheit: Ich weiß es nicht mit Sicherheit
Vielleicht kennst du den Gedanken: Ich weiß ganz genau, warum sie das gemacht hat.
Aber wissen wir das wirklich? Wir können Vermutungen haben. Manchmal liegen wir damit sogar richtig. Doch unsere Sichtweise bleibt immer nur eine mögliche Erklärung.
Diese Unsicherheit anzuerkennen, ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil. Sie ermöglicht uns, genauer hinzuschauen, statt vorschnell Schlussfolgerungen zu ziehen.
Nicht immer sofort eine Antwort zu haben, kann allerdings ganz schön herausfordernd sein. Besonders dann, wenn wir uns Sicherheit und Orientierung wünschen. Warum es hilfreich sein kann, Ungewissheit nicht ausschließlich als Bedrohung zu betrachten, und wie du auch ohne vollständige Gewissheit handlungsfähig bleiben kannst, erfährst du in meinem Artikel „Umgang mit Ungewissheit“.
- Neugier: Ich möchte verstehen
Häufig erlebe ich in meiner Praxis, dass sich meine Klientinnen fragen: Warum ist dieser Mensch nur so?
Stattdessen könnten wir uns fragen: Was könnte gerade in ihm vorgehen? Vielleicht entdecken wir dadurch etwas, das wir vorher übersehen haben. Und genauso können wir neugierig auf uns selbst werden.
Warum hat mich diese Bemerkung so getroffen? Was hat sie in mir ausgelöst? Welches Bedürfnis steckt möglicherweise hinter meiner Reaktion?
Neugier bedeutet dabei nicht, dass wir sofort eine Antwort finden müssen. Manchmal reicht es schon, uns eine neue Frage zu stellen.
- Offenheit: Vielleicht liege ich falsch
Das ist für mich einer der schönsten Gedanken des Mentalisierens. Wir dürfen unsere Meinung ändern.
Vielleicht hast du gedacht, deine Freundin sei verärgert über dich. Im Gespräch erfährst du jedoch, dass sie sich große Sorgen um ein Familienmitglied macht. Plötzlich erscheint ihr Verhalten in einem ganz anderen Licht.
Wenn wir bereit sind, unsere bisherigen Annahmen zu überprüfen, entsteht Raum für neue Sichtweisen und manchmal auch für mehr Nähe.

Mentalisieren beginnt bei dir selbst
Wenn wir über Mentalisieren sprechen, denken wir häufig zuerst daran, andere Menschen besser zu verstehen. Doch mindestens genauso wichtig ist die Beziehung, die wir zu uns selbst haben.
Vielleicht hast du dich schon einmal über deine eigene Reaktion gewundert. Du wirst plötzlich wütend, obwohl die Situation eigentlich gar nicht so schlimm erscheint. Du ziehst dich zurück, obwohl du dir Nähe wünschst. Oder du machst dir nach einem Gespräch stundenlang Gedanken darüber, ob du etwas Falsches gesagt hast. Schnell sind wir dann mit uns selbst im Gericht.
Warum bin ich bloß so empfindlich? Warum kann ich nicht einfach gelassener reagieren?
Was würde passieren, wenn du stattdessen neugierig wirst? Vielleicht warst du an diesem Tag bereits erschöpft. Vielleicht hat dich eine Bemerkung an eine frühere Erfahrung erinnert. Vielleicht hast du dich nicht gesehen oder ernst genommen gefühlt.
Und vielleicht steckt hinter deiner Wut auch eine Enttäuschung, die du zunächst gar nicht wahrgenommen hast. Wenn wir versuchen, unsere Reaktionen besser zu verstehen, können wir auch freundlicher mit uns selbst umgehen.
Manchmal lohnt es sich, gerade den Gefühlen neugierig zu begegnen, die wir am liebsten sofort loswerden möchten. Denn auch Wut, Angst oder Schuldgefühle können uns etwas über unsere Bedürfnisse und inneren Schutzmechanismen verraten. Wie du einen anderen Blick auf solche Gefühle entwickeln kannst, zeige ich dir in meinem Artikel „Negative Gefühle verstehen: Was deine Gefühle dir eigentlich sagen wollen“.
Warum mir diese Haltung in meiner therapeutischen Arbeit so wichtig ist
In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, wie erleichternd es für Menschen sein kann, wenn sie ihre eigenen Reaktionen besser verstehen. Dabei geht es mir nicht darum, meinen Klientinnen und Klienten zu erklären, warum sie so sind, wie sie sind. Ich sehe jeden Menschen als Experten für sein eigenes Leben.
Natürlich bringe ich mein therapeutisches Wissen, meine Erfahrung und unterschiedliche Methoden mit. Aber ich kann nicht von außen wissen, welche Bedeutung eine Erfahrung für einen Menschen hat oder was sich hinter einer bestimmten Reaktion verbirgt.
Das können wir nur gemeinsam erkunden. In meiner hypnosystemischen und systemischen Arbeit interessiert mich deshalb nicht nur, welches Verhalten oder welches Symptom jemand verändern möchte.
Mich interessiert auch, in welchen Situationen es auftritt, welche Erfahrungen damit verbunden sein könnten und welche Bedürfnisse oder möglicherweise hilfreichen Absichten sich dahinter verbergen.
Manchmal entdecken wir dabei Zusammenhänge, die zunächst überhaupt nicht offensichtlich waren. Und manchmal stellen wir fest, dass unsere erste Vermutung gar nicht gepasst hat. Auch das gehört dazu.
Für mich bedeutet therapeutische Begleitung, mit Offenheit und Neugier einen Raum zu schaffen, in dem Menschen sich selbst besser kennenlernen und eigene, stimmige Wege entwickeln können.
Drei kleine Übungen, mit denen du Mentalisieren ausprobieren kannst
Du musst nicht erst ein Buch über Mentalisieren lesen – obwohl ich dir das von Hutsebaut, Nijssens und van Vessem wärmstens empfehlen kann – um diese Haltung in deinem Alltag auszuprobieren.
Vielleicht möchtest du mit einer der folgenden Übungen beginnen.
- Ersetze Gewissheit durch ein Vielleicht
Wenn du das nächste Mal denkst, genau zu wissen, warum jemand etwas getan hat, halte kurz inne. Frage dich:
Was könnte noch dahinterstecken?
Versuche, zwei oder drei andere Erklärungen zu finden. Du musst dich für keine davon entscheiden. Es geht lediglich darum, deinen Blick ein wenig zu weiten.
- Werde neugierig auf deine eigene Reaktion
Wenn du dich über etwas ärgerst oder verletzt fühlst, frage dich:
- Was genau hat mich gerade getroffen?
- Was habe ich in diesem Moment über mich oder die andere Person gedacht?
- Was hätte ich vielleicht gebraucht?
Manchmal entdeckst du dabei ein Gefühl, das unter deinem ersten Ärger verborgen lag.
- Frage nach, statt zu vermuten
Wenn dich das Verhalten eines anderen Menschen beschäftigt, kannst du versuchen, deine Vermutung vorsichtig anzusprechen.
Zum Beispiel: „Ich hatte gerade den Eindruck, dass dich meine Aussage geärgert hat. Habe ich das richtig verstanden?“
Vielleicht stellt sich heraus, dass du völlig richtig gelegen hast. Vielleicht aber auch nicht. Beides ist in Ordnung.
Denn es geht nicht darum, recht zu behalten, sondern darum, einander besser zu verstehen.
Mentalisieren – eine Haltung, die unser Miteinander verändern kann
Je länger ich mich mit dem Mentalisieren beschäftige, desto mehr berührt mich ein Gedanke:
Wie würde sich unser Miteinander verändern, wenn wir einander etwas seltener erklären würden, wie wir angeblich sind, und stattdessen häufiger neugierig nachfragen würden?
Wenn wir nicht jede Reaktion sofort persönlich nehmen müssten?
Wenn wir uns selbst mit etwas mehr Verständnis begegnen könnten, gerade dann, wenn wir nicht so reagieren, wie wir es uns wünschen?
Natürlich werden dadurch nicht alle Missverständnisse verschwinden. Wir werden weiterhin streiten, uns ärgern und manchmal voreilige Schlüsse ziehen. Aber vielleicht gelingt es uns, solche Momente häufiger zu erkennen und noch einmal anders hinzuschauen.
Für mich liegt genau darin die Kraft des Mentalisierens. Nicht darin, andere Menschen zu durchschauen oder immer die richtige Erklärung zu finden. Sondern darin, offen zu bleiben für das, was wir noch nicht wissen.
Vielleicht beginnt mehr Verständnis schon mit einem einfachen Gedanken: Ich weiß nicht genau, was gerade in dir oder in mir vorgeht. Aber ich möchte es gerne verstehen.
Und vielleicht macht genau diese Haltung unsere Beziehungen – und damit auch unsere Welt – ein kleines Stück menschlicher.
Literatur
Die Kraft des Mentalisierens – Eine Einführung: Emotionen verstehen, Beziehungen verbessern
Joost Hutsebaut, Liesbet Nijssens, Miriam van Vessem
Wenn du dir Begleitung wünschst
Wenn du merkst, dass dich Ängste, starke Gefühle oder immer wiederkehrende innere Muster in deinem Alltag belasten und du dir dabei Unterstützung wünschst, begleite ich dich gerne in meiner Praxis für Psychotherapie in Köln-Dünnwald oder online.
Möchtest du mehr über meine Arbeitsweise erfahren? Du findest auf meinem Blog weitere Artikel rund um Selbstwert, Ängste und persönliche Entwicklung. Oder du vereinbarst ein unverbindliches Kennenlerngespräch. Gemeinsam schauen wir, welcher Weg für dich passend sein kann.
Du kannst dich jederzeit für ein kostenloses Kennenlerngespräch bei mir melden oder dich auf meinem Blog weiter einlesen.
Du musst diesen Weg nicht allein gehen.







