Negative Gefühle verstehen: Was deine Gefühle dir eigentlich sagen wollen
Eigentlich war es nur eine Kleinigkeit. Eine beiläufige Bemerkung, eine weitere Bitte oder etwas, das mal wieder an dir hängen bleibt. Und plötzlich ist sie da: diese Wut, die sich viel größer anfühlt, als es die Situation eigentlich rechtfertigt.
Vielleicht wirst du laut, ziehst dich zurück oder merkst einfach, wie die Anspannung in dir steigt. Und kaum ist der erste Ärger verflogen, meldet sich schon die nächste innere Stimme: „Warum reagiere ich denn schon wieder so? Das war doch völlig übertrieben!“
Dabei könnte genau dieses Gefühl dir etwas Wichtiges sagen wollen. Vielleicht geht es gar nicht nur um die aktuelle Situation, sondern um eine Grenze, die schon länger überschritten wird. Oder um ein Bedürfnis, das immer wieder zu kurz kommt.
Was wäre also, wenn du deine Wut nicht sofort loswerden müsstest, sondern zunächst einmal verstehen dürftest, was sie dir zeigen möchte?
Genau darum geht es beim sogenannten Hüter-Reframing. Einer kleinen Übung aus der hypnosystemischen Arbeit, die dir helfen kann, unangenehme Gefühle aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
In diesem Artikel erfährst du, warum auch unangenehme Gefühle eine wichtige Funktion haben können, was hinter Wut, Angst oder Schuldgefühlen stecken könnte und wie du mit drei einfachen Schritten einen neuen Umgang mit deinen Gefühlen finden kannst.
Warum auch unangenehme Gefühle eine wichtige Funktion haben können
In meiner Praxis erlebe ich eine häufige Unterscheidung von negativen und positiven Gefühlen. Freude, Liebe und Zufriedenheit dürfen gerne bleiben. Angst, Wut, Neid oder Schuldgefühle möchten wir dagegen am liebsten vermeiden.
Dabei haben auch unangenehme Gefühle wichtige Funktionen. Angst kann uns beispielsweise auf mögliche Gefahren aufmerksam machen. Wut kann entstehen, wenn unsere Grenzen überschritten werden. Trauer zeigt uns häufig, dass wir etwas oder jemanden verloren haben, der uns viel bedeutet.
Unsere Gefühle stehen also oft in engem Zusammenhang mit unseren Bedürfnissen, Werten und Erfahrungen. Sie entstehen nicht grundlos, auch wenn wir ihre Bedeutung manchmal nicht sofort verstehen.
In meinem Artikel „Gefühle verstehen: Warum du kein Opfer deiner Emotionen bist“ erkläre ich ausführlicher, wie Gefühle entstehen und welche Rolle unsere Gedanken und Bedürfnisse dabei spielen.
Aus hypnosystemischer Sicht finde ich besonders spannend, dass wir belastende Reaktionen auch als Ausdruck eines inneren Schutzversuchs betrachten können. Manchmal versucht unser inneres System, uns vor etwas zu bewahren, das wir früher als schmerzhaft, bedrohlich oder überfordernd erlebt haben.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Reaktion heute noch hilfreich ist. Unser Nervensystem kann auf Erfahrungen zurückgreifen, die längst nicht mehr zu unserer aktuellen Lebenssituation passen.
Und genau hier kann ein Perspektivwechsel interessant werden.
Hüter-Reframing: Was möchte dein Gefühl für dich schützen?
Beim Reframing geht es darum, etwas aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Die Situation selbst verändert sich dadurch zunächst nicht. Aber möglicherweise verändert sich unsere Bewertung und damit auch unser Umgang mit ihr.
Beim Hüter-Reframing stellen wir uns vor, dass ein unangenehmes Gefühl wie ein innerer Hüter sein könnte, der etwas Wertvolles bewachen möchte.
Nehmen wir einmal die Wut als Beispiel. Vielleicht ärgerst du dich darüber, dass du so schnell gereizt reagierst. Du findest deine Wut unangemessen und möchtest am liebsten gelassener sein. Wenn wir die Wut nun einmal als Hüter betrachten, könnten wir fragen: „Angenommen, meine Wut möchte etwas Wichtiges für mich schützen. Was könnte das sein?“
Vielleicht stellst du fest, dass du schon seit Wochen über deine eigenen Grenzen gehst. Dass du immer wieder Ja sagst, obwohl du eigentlich Nein meinst. Oder dass du dir wünschst, mit deinen Bedürfnissen genauso ernst genommen zu werden wie andere Menschen.
Plötzlich bekommt die Wut eine andere Bedeutung. Sie ist nicht mehr ausschließlich das störende Gefühl, das du loswerden möchtest, sondern möglicherweise ein Hinweis darauf, dass etwas Wichtiges zu kurz kommt.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jedes Verhalten, das aus Wut entsteht, in Ordnung ist. Wir können die mögliche Schutzfunktion eines Gefühls würdigen und gleichzeitig Verantwortung dafür übernehmen, wie wir damit umgehen.
Negative Gefühle verstehen: Eine Übung in drei Schritten
Das Schöne am Hüter-Reframing ist, dass du dafür zunächst einmal gar nicht viel brauchst. Ein wenig Zeit, etwas Neugier und die Bereitschaft, deinem inneren Erleben mit möglichst wenig Bewertung zu begegnen.
- Nimm dein Gefühl wahr, ohne es sofort verändern zu wollen.
Wenn du das nächste Mal bemerkst, dass ein unangenehmes Gefühl auftaucht, versuche zunächst einmal, es zu benennen. Vielleicht sagst du innerlich: „Da ist gerade Wut.“ Oder: „Ich bemerke, dass ich Angst habe.“
Du musst das Gefühl nicht gut finden und auch nicht besonders intensiv hineinspüren. Es geht lediglich darum, wahrzunehmen, was gerade da ist, ohne dich dafür zu verurteilen.
- Stelle deinem Gefühl die Hüter-Frage.
Nun kannst du dir vorstellen, dein Gefühl wäre ein wohlwollender Hüter, der etwas Wertvolles für dich bewahren möchte.
Frage dich: „Wenn dieses Gefühl etwas Wichtiges für mich schützen möchte, was könnte das sein?“
Vielleicht taucht eine Antwort auf. Vielleicht bemerkst du, dass es um Sicherheit, Zugehörigkeit, Anerkennung, Selbstbestimmung oder deine persönlichen Grenzen geht.
Und vielleicht kommt zunächst auch gar keine Antwort. Das ist vollkommen in Ordnung. Du musst nichts erzwingen.
- Richte deine Aufmerksamkeit auf das, was du brauchst.
Wenn du eine mögliche Schutzfunktion entdeckt hast, kannst du deinem Gefühl innerlich für diesen Hinweis danken. Anschließend geht es darum, herauszufinden, was du jetzt konkret tun kannst.
Wenn deine Wut dich beispielsweise auf eine überschrittene Grenze aufmerksam macht, könntest du überlegen, wie du diese Grenze künftig früher und klarer kommunizieren möchtest.
So wird aus einem belastenden Gefühl möglicherweise ein hilfreicher Impuls für eine Veränderung.

Was Angst, Schuldgefühle oder Neid dir zeigen können
Natürlich lässt sich das Hüter-Reframing nicht nur bei Wut anwenden. Auch andere Gefühle können Hinweise auf etwas geben, das uns wichtig ist.
Angst könnte beispielsweise der Hüter deiner Sicherheit sein. Vielleicht versucht sie, dich vor einer Enttäuschung, einem Fehler oder einer unangenehmen Erfahrung zu bewahren. Manchmal reagiert dieses Schutzsystem allerdings sehr empfindlich und schlägt Alarm, obwohl objektiv keine entsprechende Gefahr besteht. Warum das so ist, erkläre ich dir auch in meinem Artikel „Warum wird meine Angst immer stärker? Den Teufelskreis der Angst verstehen und durchbrechen“.
Schuldgefühle könnten mit deinen Werten und deinem Verantwortungsbewusstsein zusammenhängen. Vielleicht ist es dir wichtig, andere Menschen nicht zu verletzen und zuverlässig zu sein. Allerdings können Schuldgefühle auch dann entstehen, wenn du gar nichts falsch gemacht hast. Beispielsweise, wenn du zum ersten Mal eine Grenze setzt und damit die Erwartungen eines anderen Menschen enttäuschst. Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Habe ich tatsächlich Verantwortung für etwas zu übernehmen oder meldet sich hier ein altes Muster?
Neid könnte dich auf einen unerfüllten Wunsch aufmerksam machen. Vielleicht beneidest du eine Freundin, die scheinbar mühelos Nein sagen kann und sich regelmäßig Zeit für sich nimmt. Statt dich für deinen Neid zu verurteilen, könntest du dich fragen, ob du dir selbst mehr Freiheit, Selbstbestimmung oder Leichtigkeit wünschst.
Du siehst: Es geht nicht darum, unangenehme Gefühle schönzureden. Vielmehr möchten wir verstehen, was möglicherweise dahintersteckt, um neue Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.
Und was ist, wenn meine Gefühle zu stark sind?
Manchmal sind Gefühle so intensiv, dass wir kaum noch klar denken können. Vielleicht bemerkst du Herzklopfen, starke Anspannung oder das Gefühl, vollkommen überwältigt zu sein.
In solchen Momenten ist es häufig hilfreicher, zunächst wieder etwas mehr Stabilität zu finden, bevor du dich mit der möglichen Bedeutung des Gefühls beschäftigst.
Dafür kannst du drei kleine Dinge ausprobieren: Spüre bewusst den Kontakt deiner Füße zum Boden. Schau dich langsam im Raum um und benenne drei Dinge, die du siehst. Oder erinnere dich an einen Moment, in dem du dich wohl und einigermaßen ruhig gefühlt hast.
Du musst dich dabei nicht sofort entspannen. Es reicht, wenn du deinem Nervensystem die Möglichkeit gibst, sich wieder etwas mehr im Hier und Jetzt zu orientieren.
Gerade wenn du belastende oder traumatische Erfahrungen gemacht hast, ist es wichtig, in deinem eigenen Tempo vorzugehen. Nicht jedes Gefühl muss sofort verstanden oder bearbeitet werden. Manchmal ist es bereits ein wichtiger Schritt, zu bemerken, was gerade geschieht, und gut für dich zu sorgen.
Fazit: Du musst nicht gegen deine Gefühle kämpfen
Vielleicht nimmst du aus diesem Artikel vor allem einen Gedanken mit: Nicht jedes unangenehme Gefühl ist etwas, das du möglichst schnell loswerden musst.
Manchmal lohnt es sich, neugierig zu werden und zu fragen, was dieses Gefühl möglicherweise für dich bewahren möchte. Vielleicht entdeckst du dabei ein Bedürfnis, das bisher zu kurz gekommen ist. Vielleicht erkennst du ein altes Schutzmuster oder einen Wert, der dir besonders wichtig ist. Und vielleicht entsteht dadurch ein bisschen mehr Verständnis für dich selbst.
Denn Veränderung muss nicht immer damit beginnen, dass wir etwas an uns bekämpfen. Manchmal beginnt sie damit, dass wir uns selbst ein Stück besser verstehen und einen liebevolleren Blick auf uns selbst erhalten.
Wenn du dir Begleitung wünschst
Wenn du merkst, dass dich Ängste, starke Gefühle oder immer wiederkehrende innere Muster in deinem Alltag belasten und du dir dabei Unterstützung wünschst, begleite ich dich gerne in meiner Praxis für Psychotherapie in Köln-Dünnwald oder online.
Möchtest du mehr über meine Arbeitsweise erfahren? Du findest auf meinem Blog weitere Artikel rund um Selbstwert, Ängste und persönliche Entwicklung. Oder du vereinbarst ein unverbindliches Kennenlerngespräch. Gemeinsam schauen wir, welcher Weg für dich passend sein kann.
Du kannst dich jederzeit für ein kostenloses Kennenlerngespräch bei mir melden oder dich auf meinem Blog weiter einlesen.
Du musst diesen Weg nicht allein gehen.







