Kindertherapie ist nicht einfach Therapie für Erwachsene in klein
Wenn Eltern mich zum ersten Mal kontaktieren, taucht häufig die Frage auf „Was macht mein Kind eigentlich in der Therapie?“.
Viele Menschen stellen sich Therapie für Kinder und Jugendliche ähnlich vor wie Therapie für Erwachsene, nur eben etwas kindgerechter. Tatsächlich gibt es aber einige wichtige Unterschiede.
Kinder erleben, verarbeiten und verstehen ihre Welt anders als Erwachsene. Deshalb braucht es auch andere therapeutische Zugänge. In diesem Artikel möchte ich dir einen kleinen Einblick in meine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ab etwa zehn Jahren geben. Du erfährst, warum Hypnose bei Kindern anders aussieht, wie Anteilearbeit spielerisch und kreativ werden kann und weshalb ich bei EMDR meist mit Tapping statt mit Augenbewegungen arbeite.
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen
Kinder verfügen oft noch nicht über die gleichen Fähigkeiten zur Selbstreflexion wie Erwachsene. Viele Gefühle können sie zwar deutlich spüren, aber noch nicht immer in Worte fassen.
Während Erwachsene häufig über ihre Gedanken, Sorgen oder inneren Konflikte sprechen können, erleben Kinder vieles eher über Bilder, Geschichten, Fantasie und körperliche Empfindungen.
Das bedeutet nicht, dass Kinder weniger verstehen. Sie verarbeiten Informationen einfach auf andere Weise. Genau deshalb darf Therapie mit Kindern oft kreativer, lebendiger und erlebnisorientierter sein.
Wenn dein Kind unter starken Ängsten oder Panikgefühlen leidet, kann es außerdem hilfreich sein zu verstehen, was dabei eigentlich im Nervensystem passiert und was Nervensystemregulation bedeutet. Mehr dazu findest du in folgendem Artikel: Nervensystemregulation verstehen
Was Kinder oft über Therapie denken
Viele Kinder kommen mit ganz eigenen Vorstellungen in die erste Sitzung.
Manche denken:
- Muss ich dort alles erzählen?
- Werde ich getestet?
- Bekomme ich Hausaufgaben?
- Muss ich über meine Angst sprechen?
Und dann erleben sie häufig etwas ganz anderes. Sie begegnen Geschichten, Bildern und Fantasiereisen. Sie lernen innere Helfer kennen. Sie entdecken Stärken, die sie längst in sich tragen. Sie arbeiten mit Symbolen, Figuren oder kleinen Übungen, die ihnen helfen, ihre Angst besser zu verstehen.
Viele Kinder sind überrascht, dass Therapie nicht bedeutet, stundenlang über Probleme zu sprechen. Stattdessen geht es oft darum, neue Erfahrungen zu machen und eigene Lösungen zu entdecken.
Hypnose bei Kindern: kürzer, lebendiger und oft überraschend
Wenn Menschen an Hypnose denken, stellen sie sich häufig jemanden vor, der mit geschlossenen Augen ruhig in einem Sessel sitzt und lange nach innen reist. Bei Erwachsenen kann das durchaus so aussehen. Bei Kindern meist nicht.
In meiner Praxis fasziniert es mich jedes Mal aufs Neue, wie schnell Kinder in innere Bilder eintauchen können. Gleichzeitig wechseln sie aber auch schneller wieder zurück ins Hier und Jetzt. Eine Trance dauert deshalb häufig nur wenige Minuten.
Manchmal öffnet ein Kind zwischendurch die Augen. Manchmal beginnt es plötzlich zu erzählen. Manchmal verändert sich die Geschichte mitten im Prozess. Während ein Erwachsener vielleicht still erlebt, wie sich eine Situation verändert, sagt ein Kind plötzlich: „Der Drache hat jetzt Flügel bekommen!“ Oder so etwas wie: „Die Angst hat sich gerade in eine Schildkröte verwandelt.“
Für Außenstehende mag das zunächst ungewöhnlich klingen. Für die therapeutische Arbeit sind solche Momente oft unglaublich wertvoll. Kinder besitzen häufig einen direkten Zugang zu inneren Bildern. Ganz genau dort können oft neue Möglichkeiten und Lösungen entstehen.
Anteilearbeit: Wenn die Angst ein Gesicht bekommt
Auch in der Anteilearbeit zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen. Erwachsene sprechen häufig über ihren inneren Kritiker, die Perfektionistin, den Antreiber oder einen verletzten Anteil.
Kinder erleben diese inneren Anteile oft viel bildhafter. Die Angst wird vielleicht zu einem kleinen Monster. Ein mutiger Anteil erscheint als Superheldin. Ein beschützender Anteil wird zu einem Drachen oder ein trauriger Anteil verwandelt sich in ein schüchternes Waldwesen.
Für Kinder ist das meist ganz selbstverständlich. Sie müssen keine psychologischen Konzepte verstehen, sie erleben sie. Dadurch entsteht oft ein großer Vorteil: Das Kind erkennt, dass es nicht die Angst ist. Es hat eine Angst.
Und mit diesem Angstanteil kann man in Kontakt kommen, ihn verstehen und gemeinsam nach neuen Lösungen suchen. In meiner Praxis kombiniere ich hierbei sehr gerne die hypnotherapeutische Arbeit mit der EGO-State Therapie, also der Arbeit mit inneren Anteilen.
Ein wichtiger hypnosystemischer Gedanke dabei ist: Auch die Angst verfolgt meist eine gute Absicht. Sie versucht zu schützen.
Wenn Kinder verstehen, dass ihre Angst nicht gegen sie arbeitet, sondern etwas für sie erreichen möchte, verändert sich oft schon der Blick auf das Problem. Und dann schauen wir, was der Anteil (z.B. der Wut-Drache oder das Angst-Monster) eigentlich möchte und was es braucht, damit es ruhiger werden kann. Kinder wissen ganz intuitiv, was benötigt wird.
Im Zusammenhang mit der Anteilearbeit möchtest du vielleicht mehr über die Ego-State-Therapie erfahren. In meinem Artikel „Ego State Therapie einfach erklärt“ erfährst du, wie innere Anteile entstehen und warum sie häufig wichtige Schutzfunktionen übernehmen. Ego State Therapie einfach erklärt: Das Konzept der inneren Anteile verstehen

Wie ich Kindern EMDR erkläre
Auch EMDR lässt sich Kindern oft wunderbar mit Bildern erklären. Statt komplizierter Fachbegriffe nutze ich manchmal folgendes Bild:
„Stell dir vor, dein Gehirn ist wie eine riesige Bibliothek voller Bücher. In den meisten Büchern stehen Erlebnisse, die ordentlich in den Regalen einsortiert wurden. Manchmal passiert aber etwas, das sehr aufregend, beängstigend oder belastend war. Dann bleibt dieses Erlebnis wie ein Buch auf dem Boden liegen. Immer wenn jemand daran vorbeikommt, stolpert er darüber.
Mit EMDR helfen wir dem Gehirn dabei, dieses Buch an den richtigen Platz ins Regal zu stellen. Das Erlebnis verschwindet nicht. Aber es muss nicht mehr ständig im Weg liegen.“
Viele Kinder verstehen dieses Bild sofort. Es macht deutlich, dass Erinnerungen nicht gelöscht werden. Sie werden lediglich anders verarbeitet.
Warum ich bei Kindern häufig mit Tapping arbeite
Viele Menschen kennen EMDR vor allem über Augenbewegungen. Bei Kindern arbeite ich häufig lieber mit bilateralem Tapping. Dabei werden abwechselnd die linke und rechte Körperseite stimuliert, beispielsweise über die Hände, Knie oder Schultern. Kinder empfinden dies oft als angenehmer und natürlicher. Außerdem lässt es sich spielerisch in die Sitzung integrieren. Außerdem arbeite ich mit Vibrationstherapie, dabei halten die Kinder in jeder Hand einen Sensor, der im Wechsel vibriert. Die Kinder suchen sich aus, welche Vorgehensweise sie am liebsten mögen.
Die eigentliche Wirkung bleibt dabei dieselbe: Das Gehirn wird dabei unterstützt, belastende Erfahrungen neu zu verarbeiten und emotionale Spannungen zu lösen.
Da EMDR in diesem Artikel erläutert wird, findest du hier weitere Informationen zu dieser Methode und ihren Einsatzmöglichkeiten bei Ängsten und Panikattacken: EMDR in der Psychotherapie – kraftvolle Unterstützung bei Ängsten und Panik
Neue Erfahrungen bringen Kindern Sicherheit
In meiner Praxis arbeite ich sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern mit ganz konkreten und leicht umsetzbaren Übungen für ihren Alltag. Denn eine Therapiestunde pro Woche oder alle 14 Tage kann wertvolle Impulse geben, geübt wird aber vor allem im echten Leben.
Deshalb ist es mir wichtig, dass Kinder verschiedene Möglichkeiten kennenlernen, mit denen sie sich selbst unterstützen können. Dazu gehören zum Beispiel kleine Entspannungsübungen aus der Progressiven Muskelentspannung. Statt komplizierter Anleitungen heißt es dann vielleicht:
„Presse deine Hand so fest zusammen, als würdest du eine Zitrone auspressen.“ Und anschließend: „Lass wieder locker und puste die Luft ganz langsam aus.“
Auf diese Weise lernen Kinder spielerisch, den Unterschied zwischen Anspannung und Entspannung wahrzunehmen und ihr Nervensystem aktiv zu beruhigen.
Auch die Anteilearbeit endet oft nicht mit der Therapiesitzung. Viele Kinder malen ihre inneren Anteile, gestalten ihre Helferfiguren oder geben ihren Angstmonstern ein Gesicht. Dadurch werden die inneren Prozesse greifbarer und können auch zu Hause weiter begleitet werden.
Besonders gerne arbeite ich außerdem mit dem Bild eines Zauberortes oder Wohlfühlortes. Diesen entwickeln wir gemeinsam und nutzen ihn später beispielsweise in der EMDR-Arbeit als inneren sicheren Ort. Viele Kinder nehmen dieses Bild mit nach Hause und können es auch dort immer wieder für sich nutzen.
Manche Kinder gestalten sich einen persönlichen Duftstick mit ätherischen Ölen für stressige Situationen. Andere tragen einen kleinen Igelball in der Hosentasche. Wenn die Angst auftaucht, können sie den Ball bewusst in die Hand nehmen, die Struktur spüren und ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Hier und Jetzt lenken.
Ich finde diese kleinen Hilfsmittel besonders wertvoll, weil Kinder dadurch erleben:
„Ich bin meiner Angst nicht hilflos ausgeliefert. Ich kann selbst etwas tun.“
Und weil viele Kinder von konkreten Hilfsmitteln wie Duftsticks, Igelbällen oder anderen Ressourcen profitieren, könnte auch dieser Artikel interessant für dich sein: Dein Notfallkoffer bei Ängsten und Panikattacken Dort zeige ich, wie individuelle Hilfsmittel dabei unterstützen können, in belastenden Situationen wieder Sicherheit zu finden.

Was bei Kindern und Erwachsenen gleich bleibt
Bei allen Unterschieden gibt es auch etwas, das sich nicht verändert. Ob ein Mensch zehn, zwanzig oder fünfzig Jahre alt ist:
Jedes Verhalten hat einen guten Grund. Jede Angst erzählt eine Geschichte. Jedes Symptom versucht auf etwas aufmerksam zu machen.
Und jeder Mensch trägt bereits Fähigkeiten und Ressourcen in sich, die ihn unterstützen können.
Deshalb geht es in meiner Arbeit nicht darum, etwas wegzumachen oder zu bekämpfen. Es geht darum, gemeinsam zu verstehen, was hinter der Angst steckt und neue Wege zu entwickeln, damit das Leben wieder leichter werden darf.
Viele der im Artikel beschriebenen Übungen helfen dabei, das Nervensystem zu beruhigen und wieder ins Hier und Jetzt zurückzufinden. Warum körperorientierte Übungen dabei so wirksam sein können, erfährst du in meinem Artikel „Körperübungen gegen Angst“. Körperübungen gegen Angst: Wie Bewegung bei Angst, Panik und innerer Unruhe hilft
Fünf Dinge, die Eltern ihrem Kind vor dem ersten Termin sagen können
Vielleicht möchtest du deinem Kind vor dem ersten Termin ein paar Dinge mit auf den Weg geben, die für mehr Sicherheit sorgen können. Ich habe dir hier 5 Punkte aufgelistet, die die meisten Kinder zu Therapiebeginn beschäftigen:
- Du musst nicht alles erzählen.
Du entscheidest selbst, was du in der Therapie teilen möchtest. - Du musst nichts „richtig“ machen.
Es gibt keinen Test und keine Bewertung. Es gibt kein Richtig oder Falsch. - Du darfst neugierig sein.
Viele Kinder sind voller Freude dabei, wenn wir gemeinsam z.B. den Zauberort im Inneren entdecken. - Alle Gefühle sind willkommen.
Egal ob Angst, Wut, Traurigkeit oder Unsicherheit. In meiner Praxis dürfen alle Gefühle da sein. - Du musst nicht allein mit deiner Angst kämpfen.
Wir schauen gemeinsam, was dir helfen kann. Zu Hause kannst du die besprochenen Sachen ausprobieren.
Eltern bleiben ein wichtiger Teil des Prozesses
Auch wenn die Therapie mit dem Kind stattfindet, spielen die Eltern eine wichtige Rolle. Deshalb gehören in meiner Praxis regelmäßige Elterngespräche selbstverständlich dazu. Diese finden je nach Bedarf telefonisch oder vor Ort statt.
Dabei sprechen wir beispielsweise über die Entwicklung des Kindes, die weitere Therapieplanung, hilfreiche Übungen für zu Hause oder darüber, wie Eltern ihr Kind im Alltag bestmöglich unterstützen können.
Gleichzeitig ist mir ein geschützter Raum für das Kind sehr wichtig. Kinder brauchen die Sicherheit, dass sie offen sprechen dürfen und ihre Gedanken, Gefühle und Sorgen ernst genommen werden. Deshalb gilt auch in der Kinder- und Jugendtherapie die Schweigepflicht.
Das bedeutet: Ich berichte Eltern nicht jedes Detail aus den Gesprächen. Stattdessen informieren die Elterngespräche über Entwicklungen, Fortschritte, therapeutische Ziele und darüber, wie Eltern den Veränderungsprozess unterstützen können.
In den meisten Fällen erleben Kinder dies als sehr entlastend. Sie müssen nicht befürchten, dass jedes Wort zu Hause weitererzählt wird, und gleichzeitig spüren sie, dass Eltern und Therapeutin gemeinsam an einem Strang ziehen.
Denn gerade bei Ängsten gelingt Veränderung oft besonders gut, wenn Kind, Eltern und ich als Therapeutin als Team zusammenarbeiten.

Wenn du dir Begleitung für dein Kind wünschst
Kinder verfügen oft über eine beeindruckende Fantasie, Kreativität und innere Stärke. Manchmal brauchen sie lediglich einen geschützten Rahmen, um diese Fähigkeiten wieder zu entdecken.
Therapie mit Kindern bedeutet deshalb für mich nicht, Probleme zu analysieren. Es bedeutet, gemeinsam Räume zu öffnen, in denen neue Erfahrungen möglich werden.
Wenn du Fragen zur Therapie von Kindern und Jugendlichen mit Ängsten hast oder wissen möchtest, ob eine Begleitung für dein Kind sinnvoll sein könnte, melde dich gerne bei mir für ein unverbindliches Kennenlerngespräch. Ich arbeite in meiner Praxis mit Kindern ab dem Alter von ca. 10 Jahren.
Du kannst euch auch jederzeit direkt über Doctolib ein kostenloses Kennenlerngespräch buchen oder dich auf meinem Blog weiter einlesen.
Ihr müsst diesen Weg nicht allein gehen.







